Zahlen, Fakten, Herausforderungen – KMU in der DACH-Region

Netcloud, Fastlane Automotive oder KERN – wer sich im deutschsprachigen Wirtschaftsraum ein wenig auskennt, wird mit diesen Firmennamen etwas anfangen können, und Arbeitnehmer, die bei diesen mittelständischen Unternehmen angestellt sind, dürften überaus zufrieden mit ihrem Arbeitgeber sein, denn laut dem Arbeitgeber-Bewertungsportal kununu handelt es sich bei diesen Unternehmen um die drei besten Betriebe Europas – zumindest aus Perspektive der Mitarbeiter.

Fakt ist indes, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU) auch aus anderer Perspektive für die europäische Wirtschaft und ihre Marktakteure – von großen Staaten bis zum einzelnen Arbeitnehmer – von zentraler Bedeutung sind. Aktuelle Zahlen belegen dies. Doch es stehen disruptive Veränderungen bevor.

KMU in Europa: eine Definition – viele Aufgaben

In der DACH-Region, also in den Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz, liegt die jährliche Kaufkraft je Einwohner bei durchschnittlich 22.949 Euro. Die DACH-Länder befinden sich allesamt unter den zehn Ländern Europas mit der höchsten Kaufkraft, die Schweiz liegt sogar auf dem zweiten Rang. Dies hat natürlich seine Gründe.

Rang Staat Einwohner Kaufkraft pro Einwohner in €
1 Liechtenstein 37.877 65.438
2 Schweiz 8.419.550 40.456
3 Island 348.450 32.958
4 Luxemburg 602.005 32.639
5 Norwegen 5.295.619 29.072
6 Dänemark 5.781.190 25.578
7 Österreich 8.772.865 23.282
8 Deutschland 82.521.653 22.949
9 Schweden 10.120.242 21.462
10 Finnland 5.513.130 21.058

Quelle: GfK Kaufkraft Europa 2018

 

Nicht zuletzt war und ist das Rückgrat der Wirtschaftskraft jener mitteleuropäischen Länder ein prosperierender Mittelstand. Das weiß auch die Europäische Union (EU), weswegen in den letzten Jahren einiges getan wurde, um kleine und mittlere Unternehmen im europäischen Binnenraum zu stärken. Dies gilt natürlich nicht nur für Länder aus der DACH-Region.

Für die EU spielen KMU allein deswegen eine herausragende wirtschaftliche Rolle, da auf dem europäischen Binnenmarkt über 20 Mio. von ihnen vertreten sind. Somit sind 99 Prozent aller europäischen Unternehmen als kleines oder mittleres Unternehmen zu bezeichnen. Laut EU sind KMU die „Hauptantriebskraft für wirtschaftliches Wachstum, Beschäftigung und soziale Integration“.

Ganz aktuell versucht die supranationale Institution, die KMU der Mitgliedsstaaten im Rahmen des Förderprogramms Horizont 2020 auf die neuen Herausforderungen eines globalisierten und digitalisierten Marktes vorzubereiten. Insgesamt stehen 77 Mrd. Euro als Fördergelder zur Verfügung, um Innovationen und Wachstum zu unterstützen.

Angesichts solcher Summen dürfte klar sein, dass es einer bürokratischen Regelung bedarf, um festzulegen, wer Fördergelder beantragen darf und überhaupt als kleines oder mittleres Unternehmen angesehen wird – zumindest aus bürokratischer Sicht. Nach Definition der Europäischen Kommission müssen dazu folgende Kriterien erfüllt sein:

  • Weniger als 250 beschäftigte Mitarbeiter
  • Maximaler Jahresumsatz 50 Mio. Euro bzw. maximale Bilanzsumme von 43 Mio. Euro
  • Die Zahlenwerte beziehen verbundene (Partner-)Unternehmen mit ein

 

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Deutschland

Infografik mit Zahlen und Kenndaten zu mittelständischen Unternehmen in Deutschland

 

In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild wie aus der gesamteuropäischen Perspektive. Gute 99 Prozent aller deutschen Unternehmen zählen zur Gruppe der KMU. Circa 61 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer sind in kleinen und mittleren Unternehmen beschäftigt.

Wirtschaftlich bzw. in Bezug auf das Wertschöpfungspotential stehen deutsche KMU jedoch weit hinter den deutschen Großbetrieben. Trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit sind kleine und mittlere deutsche Unternehmen „nur“ für 47 Prozent der Bruttowertschöpfung verantwortlich. Trotz dieses vergleichsweisen geringen Anteiles ist die deutsche Wirtschaft ohne KMU aber nicht vorstellbar, obgleich ihre Bedeutung je nach Branche bzw. Wirtschaftszweig unterschiedlich hoch ausfällt.

Statistik über die Umsatzanteile von KMU und Großunternehmen am deutschen BIP des Statistischen Bundesamts

 

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Österreich

Ähnlich wie in Europa und Deutschland haben KMU in Österreich ebenfalls den größten Anteil an den Wertschöpfungsbetrieben des Landes. 99,6 Prozent aller Firmen sollen zur Gruppe der KMU gehören, wobei sogenannte Kleinstbetriebe den größten Teil stellen. 87 Prozent aller österreichischen KMU zählen zu dieser Unternehmensklasse, deren Kennzeichen weniger als zehn Mitarbeiter sind.

Mit 68 Prozent sind KMU in Österreich die wichtigste, weil größte Arbeitgebergruppe. Umgerechnet arbeiten circa 2 Mio. Arbeitstätige in einem kleinen oder mittleren Unternehmen. Anders als in Deutschland erwirtschaften österreichische KMU aber mehr als die Hälfte des BIP. Konkret sollen es jährlich mehr als 60 Prozent sein.

Statistik über die Umsatzanteile von KMU und Großunternehmen am österreichischen BIP des Bundesministeriums Digitalisierung und Wirtschaftsstandort

 

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in der Schweiz

Die Schweiz zählt zu den europäischen Ländern mit der höchsten Kaufkraft pro Einwohner. Trotz oder womöglich auch weil die Schweiz aus historischer Tradition heraus dem Neutralitätscredo folgt und folgerichtig nicht Mitglied der EU ist, bieten sich kleinen und mittleren Unternehmen aus der Schweiz gänzlich andere, teils durchaus vorteilhafte wirtschaftliche Standortbedingungen vor Ort. Zwar ist es gerade für Wachstumsunternehmen steuerlich nicht immer sonderlich lukrativ, allgemein gibt es aber deutlich weniger bürokratische Hürden als in den meisten EU-Staaten.

Zumindest bei manchen Zahlen folgt die Schweiz aber anderen EU-Ländern. Auch hier stellen KMU nämlich 99 Prozent aller betrieblichen Wirtschaftsakteure, gut 65 Prozent aller Arbeitnehmer sind in Kleinst-, Klein- oder Mittelunternehmen angestellt.

Überraschend ist, dass es in der Schweiz bislang nur bedingt verifizierte Daten über den Wertschöpfungsbeitrag von KMU zum BIP gibt. Grundsätzlich ist das Interesse von Staat, Wissenschaft und Forschung in der Schweiz eher auf die umsatzstarken Großunternehmen gerichtet. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass kleine und mittlere Unternehmen kumuliert circa 60 Prozent des jährlichen Umsatzes erwirtschaften. Damit reihen sie sich in den oberen europäischen Durchschnitt ein.

Eine Besonderheit von KMU in der Schweiz liegt aber zweifelsohne in der Unternehmensrechtsform. Rund 20 Prozent aller zur Gruppe der KMU gehörenden Unternehmen in der Schweiz sind Aktiengesellschaften. Einen Großteil stellen auch GmbHs. 99 Prozent aller Gesellschaften mit beschränkter Haftung zählen zur Gruppe der KMU.

 

Zentrale Herausforderungen für KMU: Digitalisierung und Sicherheit

Wie wichtig KMU für die nationale Wirtschaft in den Ländern der DACH-Region sind, ist den jeweiligen Regierungen zweifelsohne bewusst. Nationale Förderprogramme und eigene staatliche Anlaufstellen für kleine und mittlere Unternehmen sind Ausdruck dieses Bewusstseins.

Damit der Mittelstand jedoch das wirtschaftliche Rückgrat für die DACH-Region bleiben kann, braucht es durchdachte Zukunftsstrategien in einer immer weiter globalisierten und vernetzten Welt. Insbesondere die Digitalisierung wird als womöglich größte Herausforderung angesehen.

 

Wir wollen gerade die kleinen und mittelständischen Unternehmen fit machen für die Fertigung 4.0 und behalten dabei gleichzeitig die klassischen Produktionsprozesse fest im Blick. Schließlich geht es nicht darum, alles zu digitalisieren, was es im Betrieb gibt, sondern darum, konkret aufzuzeigen, an welchen Stellen die Digitalisierung für den wirtschaftlichen Erfolg wirklich Sinn macht.“

Anja Holinsky, Projektleiterin der NORTEC bei der Hamburg Messe und Congress GmbH

 

Insgesamt zeigt sich aber aktuell, dass die KMU im deutschsprachigen Mitteleuropa auf einem guten Weg sind. So waren deutsche KMU noch vor einigen Jahren weltweit Spitzenreiter bei Schäden durch Cyberkriminalität, wodurch jährlich Schäden in Höhe von mehr als 50 Mrd. Euro entstanden sein sollen.

Mittlerweile zeigt sich aber ein Aufwärtstrend. Branchenübergreifend konnten laut VdS Quick-Check-Studie viele Maßnahmen zur IT-Sicherheit umgesetzt werden, sodass der volkswirtschaftliche Schaden durch Online-Kriminelle in den kommenden Jahren sukzessive sinken dürfte.

Neben der Digitalisierung dürfte auch der Finanzmarkt für KMU der Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Durch eine EU-Initiative soll kleinen und mittleren Unternehmen zukünftig der Zugang zu Kapital erleichtert werden, durch sogenanntes Scale.

 

„Scale für Aktien, das Segment für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) der Deutschen Börse, bietet eine effiziente Möglichkeit der Eigenkapitalfinanzierung über einen gesetzlich registrierten KMU-Wachstumsmarkt nach EU-einheitlichen Standards.

Es erleichtert mit seinen auf KMU zugeschnittenen Einbeziehungsvoraussetzungen und -folgepflichten die Kapitalbeschaffung und öffnet den Weg zu nationalen und internationalen Investoren.“

(Quelle: deutsche-boerse-cash-market.com)

 

Vor allen Dingen Wachstum, Innovationen und Beschäftigungszahlen sollen durch die neue Möglichkeit der Eigenkapital- bzw. Kapitalmarktfinanzierung gestärkt und verbessert werden. Dieser Schritt könnte zumindest für KMU aus Deutschland und Österreich in naher Zukunft bedeutsam sein und zur Folge haben, dass schon bald mehr Investoren ihr Interesse am Mittelstand bekunden und mehr kleine und mittlere Unternehmen als Aktiengesellschaften organisiert sein werden – ähnlich wie es viele KMU aus der Schweiz bereits vormachen.

„Mit der Registrierung als KMU-Wachstumsmarkt entwickeln wir Scale mit Blick ins europäische Ausland weiter. Das Segment gewinnt an Bekanntheit, auch bei internationalen Investoren. Dadurch steigt die Sichtbarkeit der aktuell in Scale gelisteten Unternehmen, während gleichzeitig europäische Unternehmen erleichterten Zugang zu Kapital in Frankfurt erhalten.“

Renata Bandov, Bereichsleiterin Pre-IPO & Capital Markets bei der Deutschen Börse